Zusammenfassung: Die afrikanische Oralliteratur zeichnet sich traditionell gesehen durch verschiedene Ausdrucksformen wie Sprichwörter, Volkslieder, Rätsel, Epen, Sagen, Mythen, Legenden und hauptsächlich durch das mündlich überlieferte Märchen aus. Unter diesen Ausdrucksformen, die im Allgemeinen als Gattungen der oralen Literatur bezeichnet werden, nahm das Märchen bei der Volksgruppe der Fon in Benin eine führende Stelle ein. Es wurde über Generationen hinweg in den Familien und speziell bei den Erzählabenden auf den Dorfplätzen durch professionelle Erzähler mündlich tradiert und gehörte als immaterielles Erbe der Vorfahren und aufgrund der von ihm vermittelten Werte zum Alltagsleben der Menschen. Der Beitrag zeigt in erster Linie, wie die Bestimmung des Begriffs Märchen bei den Fon für Verwirrung sorgt. Er verdeutlicht, wie sich das Märchen aus afrikanischer Perspektive nicht so scharf von den anderen Gattungen der Oralliteratur abhebt, wie es im europäischen Kontext der Fall ist. Ferner hebt diese Abhandlung hervor, wie das lange erhaltene, mündlich tradierte Märchenerzählen in den letzten Jahrzehnten in Benin große Veränderungen durchlaufen hat, und stellt die konkreten Hintergründe heraus, die diesem Umbruch zugrunde liegen. Zum Schluss lenkt sie das Augenmerk auf die Zukunft des Märchenerzählens in Benin.